Kurzgeschichten
Ein Winterquartier für Igor und Ilse

Igor, das Igelmännchen kroch aus seinem Unterschlupf am Gartenhaus und erschrak. Er spürte etwas Kaltes an Füßen und Bauch. Den ganzen Garten bedeckte eine weiße Schicht. „Schnee“ hatte Igor vor einem Jahr von der Frau gehört, die das kalte weiße Zeug zusammenfegte. Die letzten Wochen waren so angenehm mild. Da hatte er ganz vergessen, sich ein Winterquartier zu suchen. Zum Glück konnte er sich in den letzten Wochen einen ziemlich dicken Bauch für einen langen Winterschlaf anfressen. Die Schnecken und Regenwürmer hatten sich in den Boden verzogen. Ein paar Käfer und Larven fand er noch.

Ein Winterquartier1

„Wo finde ich ein sicheres und warmes Bettchen?“ Igor erinnerte sich an sein Winterquartier im letzten Jahr. „Ob die alte Holzkiste noch in der Ecke steht?“ Noch lagen genügend Blätter auf den Wiesen, um sich daraus ein warmes Zuhause zu bereiten. Igor fand sogar den Weg dorthin: am Apfelbaum vorbei, durch die Lavendelbüsche, dann am Komposthaufen rechts abbiegen. An der fetten Henne schupperte er sich ein paar Parasiten vom Rücken und wurstelte sich durch den ihm bekannten Jägerzaun. Aber was war das? Kein Gras, in dem er noch im Frühjahr mit Ilse herumgetollt hatte. Kein Reisighaufen, in dem sie Verstecken gespielt hatten. Kein Erdreich, in dem sie um die Wette Regenwürmer geangelt hatten. Nur blanke Steine. Große und Kleine. Der ganze Garten ein Schottermeer.
 
Igor verstand die Welt nicht mehr. Vorsichtig kletterte er mit seinen kleinen Beinchen über die scharfen Kanten. Autsch. Vergebens lugte er nach dem einen oder anderen Wurm. Keine Schnecke. Nicht mal der allerkleinste Nachtfalter war zu finden. Igor rieb sich die Äuglein. War er auf dem Mars gelandet? Von rechts näherte sich ein Hund. Igor rollte sich zur Kugel zusammen und stellte sich tot. „Du bist aber ein komischer Ball“, lachte der Hund und schubste ihn ein wenig an. Im gleichen Moment jaulte er jedoch auf, weil er sich an Igors Stacheln gestochen hatte. Und dann beschnupperte er Igor neugierig. „Lebst du?“ fragte er ihn. „Na klar doch“, keifte Igor wütend. „Lass mich in Ruhe, ich habe genug Probleme.“ Der Hund sah ein: “Das ist kein Spielzeug für mich!“ Aber weil er gerade seine sozialen fünf Minuten hatte, blieb er vor ihm sitzen: „Wie kann ich dir helfen“, fragte er Igor. Der spitzte ein wenig aus seiner Stachelkugel und schaute in zwei braune gütige Hundeaugen. „Ja, das mit den Steinen ist Mist“, gab der Hund zu. „Mich piekst das auch, wenn ich hier vorbeikomme. Aber ich habe da was gesehen, was dir gefallen wird.“ Igor wagte sich etwas weiter aus seinem Rundbuckel. „Nun sag schon! Ich brauche ein Winterquartier!“ Der Hund kratzte sich erinnernd hinter dem Ohr: „Hinter dieser Steinwüste liegt ein Garten mit vielen Bäumen. Dort wohne ich. Meine Leute haben alle Blätter auf einen Haufen gekehrt. Würde dir das reichen?“ Igor wurde nun sehr aufmerksam. „Kannst du mir das zeigen? Und außerdem, wie heißt du eigentlich?“ Der Hund schnupperte an Igor. „Ich heiße Max und du?“ Igor grinste. „Weißt du nicht, dass alle Igelmänner Igor heißen?“ Max: „Nö, aber ich merke mir das; und die Mädels?“ Igor dachte an seine Freundin: „Ilse“, flötete er; „alle Igelmädels heißen Ilse“.

„Dann komm mal mit“, blaffte Max, „nach Links geht ein schmaler Weg ohne Steine. Der kürzeste Weg ist durch den Zaun. Ich muss außen herumlaufen, aber ich hole dich ab und zeige dir den Blätterhaufen.“ Igor trippelte hinter Max her, wurstelte sich durch den Zaun und landete auf einem richtigen Rasen. Vor Begeisterung vergaß er Max und lief einfach zickzack los. Er suchte alle Ecken ab, fand sogar einen Wurm, den er hungrig verschlang. Er biss in einen Apfel, auf dem sich ein paar Maden balgten und schluckte sie in einem Schlupf hinunter. Und dann sah er ihn: Ein großer Berg aus Blättern. Er hörte, wie ein Mensch nach Max rief. Aber den brauchte er nicht mehr. Er krabbelte um den Blätterberg herum und spitzte die Öhrchen. Es war nichts zu hören aus dem Berg. Dann sortierte er ein paar Blätter auf die Seite und wühlte sich in den Berg.
 
Wieder lauschte er. Stille. Igor war ganz aus dem Häuschen. Ein ganzer großer Blätterhaufen nur für ihn allein. Noch weiter bohrte er sich unter die trockenen Blätter. War das auch dicht genug? Er konnte ja nicht ahnen, dass man zum Schutz vor Regen und Schnee eine Plane auf den Blätterberg gelegt hatte. Und ein bisschen Reisig lag auch darüber, damit die Plane nicht wegfliegen kann. Igor machte Purzelbäume und walzte sich eine kuschelige Höhle. Er spürte, wie es immer wärmer wurde.

Ja, genau das Richtige für den Winterschlaf. Zufrieden legte er sich hin und schloss die Äuglein.

Ein Winterquartier2

Doch ein Geräusch ließ ihn nicht einschlafen. Da raschelte etwas. „Das wird doch keine Maus sein“, entrüstete sich Igor. „Eih, wer da“ rief er und lauschte angestrengt. Nach ein paar Minuten der Stille raschelte es wieder, dieses Mal noch näher. Igor erhob sich und sah, wie sich die Blätter vor seinem Eingang bewegten. Da kroch ein kleines Igelmädchen auf ihn zu. „Uih“, rief Igor aus, „Du bist ja noch eine richtige Baby-Ilse“. „Meine Mamma ist tot“, schluchzte das Igelmädchen. „Überfahren. Ich weiß nicht wohin. Kann ich bei dir bleiben?“. Igor wollte erst protestieren. Aber dann erinnerte er sich an Max, den guten Hund, und dass er ja diesen Platz nur durch seine Hilfe gefunden hatte. „Also gut“, sagte er, „meinetwegen kannst du bleiben. Aber dass du mir nicht herumpupst“.
Plötzlich wurde es wieder laut. Max bellte im Garten und wünschte einen guten Winterschlaf. Da musste Igor dem erschreckten Ils´chen erst noch die ganze Geschichte erzählen. Und dann fielen ihnen die Äuglein zu.
 
Und wenn sie keiner mehr weckt, werden sie bis März durchschlafen.

© Fischer + Siegmund 2020
 

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Letzte Aktualisierung 28.03.2021

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